Abschrift: xxxxx

In Bezug auf Ihr Schreiben ... möchte ich die Geschichte meines Aufenthaltes bei der Zwangsarbeit erzählen.

Meine Personendaten: xxxxx, geb. am 30. September 1922 in Franki, Grundschulausbildung, verschleppt im Februar 1941, Alter zur Zeit der Verschleppung: 18 Jahre.

Als ich morgens ausging, gab es eine Straßenrazzia. Auch ich wurde gefangen. Mit der ganzen Gruppe wurde ich nach Poznan abtransportiert. Dort gab es eine Sammelstelle. Man führte eine ärztliche Selektion durch, die sehr unangenehm und brutal war. Dann schickte man uns in eine Baracke, in der die Polen auf den Transport nach Deutschland warteten. Ich wurde zu dem Gutshof Sarow im Kreis Demmin geschickt. Das Gut umfasste 4 Tausend Morgen Ackerboden. Die Arbeit war sehr schwer. Ein Vorarbeiter namens xxxxx

verteilte und beaufsichtigte die Arbeit. Wir arbeiteten 12 Stunden täglich, und im Winter 10 Stunden: Da war das Getreidedreschen in der Scheune und andere Arbeiten auf dem Hof. Sonntags arbeiteten wir 6 Stunden. Die Waschbedingungen waren furchtbar. Es gab kleine Holzrinnen, dazu ein Stückchen Seife für zwei Monate. In der Stube waren vier Personen. Es gab keine Arbeitskleidung zum Wechseln. Wir trugen Holzschuhe. Wurden die Kleider nass vom Regen, so trockneten sie auf unseren Leibern.

Was die Ernährung betrifft, wir bekamen genug Kartoffeln und Erbsen. Brot war gegen Brotmarken zu bekommen, sehr wenig und nur einmal in der Woche. Dazu eine Milchkanne Buttermilch für zwei Mark. Zu Mittag gab es Kartoffeln oder Erbsen mit Kartoffeln. Als wir morgens zur Arbeit gingen, stellten wir die Erbsen in den Backofen, der den ganzen Tag lang warm war. Es war ein besonderer Ofen, geheizt mit Gruskohle; eine Person passte immer auf. Für das Mittagessen hatten wir eine Stunde Pause. Manchmal sammelten wir Steine auf dem Acker oder hackten die Rüben. Wir tranken das Wasser aus dem Sumpf, und abends bekamen wir Magenschmerzen und erbrachen. Die Arbeit begannen wir um 5 Uhr früh. Uns war es verboten, uns vom Wohnort zu entfernen. Der Buchstabe „P“ musste stets angenäht bleiben. Mit uns arbeiteten auch russische Sklaven und Italiener.

1943 wurde ich nach Berlin abtransportiert. Ich arbeitete dort in der Eisenbahnfirma „Berner“ als Putzfrau. Ich wohnte im Stadtbezirk Biesenthal, unweit vom Bahnhof. Der Arbeitstag dauerte acht Stunden. Mit uns wohnten auch Ausländer zusammen. Die Arbeit war leichter, dafür aber der Hunger größer. Die Lebensmittelzuteilungen für die Polen waren sehr klein. Trieb ich Kartoffeln auf, so tat es mir leid, sie zu schälen. Man hungerte. In der Nacht konnten wir nicht schlafen. Die Flugzeuggeschwader bombardierten manchmal dreimal in einer Nacht. Wir waren verpflichtet, in den Bunker zu fliehen. Und auch zweimal täglich. Die Luftalarme und Luftangriffe bewirkten, daß wir fast wahnsinnig und völlig erschöpft waren.

Dort lernte ich meinen Mann xxxxx xxxxx kennen, der in der Firma „Berner“ Eisenbahnarbeiter war. Wir wohnten beide in den Baracken, und er war mein Beschützer. Manchmal am Sonntag fuhren wir ins Stadtzentrum Berlins. Er wollte mir zeigen, wo er früher gewohnt und gearbeitet hatte: 1942 in Berlin-Lichtenrade in der Firma Otto Conrad, beim Bau von Bunkern. Wir besuchten auch seinen Bruder, der im Stadtbezirk Karow wohnte. Unterwegs überraschte uns ein Luftangriff. So fuhren wir mit der U-Bahn bis nach Bernau, und dann mit der normalen Bahn nach Biesenthal.

Jeden Tag wurde es schlimmer. Die Offensive näherte sich von der Oder her. Am 18. April bombardierten zusätzlich die russischen Flugzeuge. Man hörte die Front immer näher. Die Deutschen aus der Odergegend fuhren Tag und Nacht in die amerikanischen Gebiete. Die Front war immer näher. Die Evakuierung kam, aber wir saßen im Bunker und wollten uns nicht dem Beschuß aussetzen. Berlin blieb leer, nur die Panzer waren da und die Gestapo amtierte. So warteten wir ab, bis die Front nach Biesenthal gelangte. Zu uns kamen die Polen von der sowjetischen Kommandantur. Dann passierte auch ein Unfall: Zwei Personenzüge prallten aufeinander. Es war schrecklich, sich die massakrierten Leichen und das Schicksal der Überlebenden und Umgekommenen anzusehen.

Wir warteten die Kapitulation nicht ab, sondern verließen Berlin zu Fuß, da es keine Transportmittel gab. Die Erde war von der Stalinorgel und den Minen festgestampft. Die Stadt war menschenleer, wie ausgestorben. Nur die Front bewegte sich Richtung Stadtmitte. Unterwegs hatten wir verschiedene Erlebnisse.

So gelangten wir an die Oder. Weiter konnte man mit einem Güterzug fahren. Am 6. Mai waren wir schon in Poznan. Am 17. Juni 1945 heirateten wir, mein Mann begann zu arbeiten. Am 14. September 1945 gebar ich unsere Tochter, die sehr kränkelte. Alle Kriegserlebnisse beeinflussten die Gesundheit des Kindes. Nach einem Jahr bekam ich eine Arbeit in einem Bekleidungsbetrieb. 1949 gebar ich den Sohn, der gesund aufwuchs. Und so lebten wir zusammen bis zum Jahr 1992. Mein Mann starb und ich blieb alleine. Ich habe drei Enkelkinder und einen Urenkel.

xxxxx.

Es gibt auch Zeugen: den Bruder, der noch am Leben ist, und mich, seine Ehefrau, die ich zusammen mit ihm war. Ich schickte ihnen die Originalfotos, auf denen zu sehen ist, wie er beim Bunkerbau arbeitet, und auch den Ort, an dem er gewohnt hat. Es war das Gemeinschaftslager in Lichtenrade. Ab Juni 1943 arbeitete er bei der Firma „Berner“. Und die Arbeitsnachweise sind während der Bombardierungen verlorengegangen.

Ich schicke Ihnen das Foto von mir, das von meinem Mann beim Bunkerbau und das mit den Baracken, wo er wohnte.

xxxxx

Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit / Slg. Berliner Geschichtswerkstatt

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DZSW 1467
Kurzbeschreibung

Apolonia S. wurde bei einer Straßenrazzia gefangen. Nach dem Aufenthalt in einem Sammellager erfolgte ihr Abtransport nach Deutschland. Sie erhielt die Arbeitszuweisung in der Landwirtschaft, später war sie als Putzkraft tätig. 

 

Herkunftsland: Polen

Geburtsjahr: 1922

 

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Angaben zur Zwangsarbeit

© Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit / Slg. Berliner Geschichtswerkstatt

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