Abschrift: Übersetzung Brief 325

xxxxx
Jhrg. 1919
xxxxx
Ukraine
Geehrte Gisela Wenzel und alle Freunde,
die an unserem Leben interessiert sind! Euch allen
vielen Dank.

Ich bitte mich für meine Handschrift und den Fehler enthaltenden Brief zu entschuldigen. Ich bin ungebildet, sehe schlecht, habe grauen Star in den Augen, ich müsste operiert werden. Jetzt beschreibe ich Ihnen mein Schicksal, das mir Gott vorherbestimmt hatte. Ich wurde am 19.Januar 1919 im Dorf Nedilischtsche, Baraschiwski Rayon (jetzt Jemeltschinski Rayon), Shitomirskaja Oblast, geboren. Von Geburt an hatte ich ein nicht einfaches Leben. Der Vater war nicht mein leiblicher Vater. Ich habe 4 Klassen abgeschlossen, dann ging ich in den Kolchos, um Vieh zu hüten, dann kam das Jahr 1933, es gab eine Hungersnot. Wir starben beinahe vor Hunger. Dann kam das Jahr 1941 und der Krieg. Am 16. Juni 1942 wurde ich nach Deutschland verschleppt. Wir landeten gleich in Germendorf im Heinkel-Flugzeugwerk. Dann wollte man mich nach Hause schicken, weil ich krank war. Es waren schon viele Leute gefahren, aber als wir ins Sammellager gebracht wurden, kam plötzlich Hitlers Befehl, niemanden zurückzuschicken. Ein neuer Herr kam und brachte uns nach Köpenick in die Wäscherei Spindler, wo ich bis Kriegsende arbeitete. Wir arbeiteten 12 Stunden täglich. Wir wuschen mit Maschinen und bügelten mit Maschinen. Besonders viel kam Bekleidung von Juden, gleich 2 bis 3 Waggons, von Strümpfen bis zu Mänteln. Mit uns arbeiteten in dieser Fabrik auch Juden, aber danach, eines Tages, verschwanden sie. Jetzt beschreibe ich unser Leben im Lager. Wir wohnten in Baracken. Wir waren nur Mädchen und Frauen aus Dnepropetrowsk, Pjatichatski-Rayon. Ich schicke Ihnen ein Foto, und da sind fast alle Mädchen vom Pjatichatski-Rayon. Wir bekamen 300 Gramm Brot täglich, zweimal Balanda aus Kohlrüben (bei uns Steckrüben genannt). Als wir unserer Leiterin sagten, dass das Essen schlecht sei, sagte sie: "Wenden Sie sich an Spindler", aber wir haben ihn in drei Jahren kein einziges Mal gesehen. Sie fragen, ob wir Lohn bekamen. Wir bekamen xxxxx, aber kaufen konnten wir nichts, alles war rationiert. Man konnte bei den Franzosen für xxxxx eine Brotkarte kaufen. Wir wurden bei der Arbeit nicht geschlagen, aber beschimpft schon. Wir waren gehorsame Mädchen. Mit uns arbeiteten deutsche Frauen, die machten ihre Arbeit: Gardinen stopfen. In die Stadt gingen wir selten, sonntags.
Da am Tor ein Polizist stand und uns nicht raus lies, kletterten wir über den Zaun. Wir trugen auf der Brust einen aufgenähten blauen Lappen, auf dem mit weiß "Ost" draufstand. Sie fragen, ob es Ärzte gab. Ich kann das nicht genau sagen, ich habe sie nicht gesehen. Ich weiß nur, wer sich beschwert hat, dass er krank sei, dem sagte unsere Pani "Geh nicht arbeiten!". Jetzt zu den Briefen. Es war nicht erlaubt Briefe zu schreiben, sondern ein Postkärtenchen, selten. Und dann, als es an der Front schlimmer wurde, bekamen wir nichts. Die Russen haben uns befreit. Wir saßen 22 Stunden im Bunker, es war ein schrecklicher Kampf, die Erde bebte, keiner ging raus, und alle waren zusammen, die Deutschen, die Franzosen und wir. Dann beruhigte sich alles, es kamen russische Kommandeure, prüften uns alle, begleiteten uns bis zum Fluss, brachten uns über den Fluss ans andere Ufer, und wir gingen über Leichen wie über Brennholz ins Hinterland. Gebe Gott, dass niemand so etwas sehen muss! Wir wurden zu einem Sammelpunkt gebracht, scheinbar Schwibus, ich habe es schon vergessen, das Gedächtnis ist schon schlecht, man kann nichts machen, alt werden ist keine Freude. Dann kam ich nach Hause, habe geheiratet, wir begannen aufzubauen, der Mann wurde tuberkulosekrank, begann Wodka zu trinken und kam ums Leben. Jetzt lebe ich allein, Kinder habe ich nicht, ich bin krank. Habe einen xxxxx und xxxxx und xxxxx. Wir wohnen in einer sehr verseuchten Zone, unser Stadt Korosten liegt unweit von Tschernobyl. Meine Liebe, ich schreibe Ihnen noch, dass wir Päckchen aus der Ukraine bekamen. Als die Lage an der Front gut war, wurde es unseren Müttern erlaubt, Päckchen nach Deutschland zu schicken. Ein Päckchen 200 Gramm. Die Mutter buk Fladen, nähte sie in einen Lappen und schrieb die Adresse drauf. Ich persönlich bekam zwei Päckchen, und wie viel Tränen gab es, wenn die Päckchen aufgeteilt wurden, aber dann hörte auch das auf. Aber Gott sei Dank, wir haben diese schweren Zeiten überlebt. Ich schicke Ihnen ein Foto von unseren Mädchen, fast alle aus dem Pjatichatski-Rayon. Fahren Sie dorthin, finden Sie sie dort, und kommen Sie zu mir, und dann werden wir uns persönlich unterhalten. Ich würde Ihnen sehr dankbar sein. Vielen Dank dafür, dass Sie sich an uns erinnert haben. Gott helfe Ihnen, dieses Buch zu schreiben. Man soll über unser Leben lesen, unser Leid.
Wünsche, dass alle im Frieden leben, alle Nationen. Auf Wiedersehen . Ich küsse Sie.

xxxxx





Unterschrift unter dem Foto: Das war unsere Küche, Kantine. Gegenüber gab es unsere Baracken. Die Fabrik lag 300 Meter entfernt. Nebenan gab es einen Fluss, ich weiß nicht, wie er hieß.

Das Foto verlange ich nicht zurück. Bald gehe ich aus diesem Leben, ich brauche es nicht.

Im weißen Kittel, das ist unsere Deutsche, unsere Pani. Sie hat uns kommandiert. Ich bin nicht auf dem Foto.

Bis dann. Mit Hochachtung. xxxxx


Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit / Slg. Berliner Geschichtswerkstatt

  • 1 von 3 Seiten
  • 2 von 3 Seiten
  • 3 von 3 Seiten
DZSW 1306
Kurzbeschreibung

Die Ukrainerin Vera I. L. wurde im Juni 1942 zur Zwangsarbeit nach Berlin verschleppt. Nachdem sie erkrankte, sollte sie zunächst in ihre Heimat zurück. Der Befehl änderte sich jedoch und sie arbeitete bis zum Kriegsende in der Wäscherei Spindler.

 

Herkunftsland: Ukraine

Geburtsjahr: 1919

 

Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit / Slg. Berliner Geschichtswerkstatt

© Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit / Slg. Berliner Geschichtswerkstatt

© Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit / Slg. Berliner Geschichtswerkstatt

© Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit / Slg. Berliner Geschichtswerkstatt