Abschrift: xxxxx
Jhrg. 1924
xxxxx
Ukraine


Guten Tag, geehrte Gisela Wenzel!
Ich habe Ihren Brief erhalten, und ich danke Ihnen sehr dafür. Nach einer Krankheit kann ich schlecht sehen, deswegen schreibt meine Schwiegertochter nach meinem Diktat. Kurz zu mir:

Ich, xxxxx, wurde 1924 im Dorf Wilchowzy, Tschemerowezki-Rayon, Podolsker Gebiet (jetzt Chmelnizki-Gebiet) geboren. 1939 habe ich die Schule abgeschlossen - vier Klassen (ich war 15 Jahre alt). Das war eine Ganztagsschule im Dorf Budnje, Schargorodski-Rayon, Winnizkaja-Gebiet. Und wir zehn Mädchen wurden nach Tultschin in eine Textilfabrik überwiesen, wo ich ein Jahr lang gearbeitet habe. Dann fuhr ich zur Mutter ins Kiewer Gebiet, ins Dorf Osirne. Wieso die Mutter dort war und ich woanders, da muss man viel erklären. Es war so eine Zeit, so hatten die Umstände es ergeben.

Am 5. Mai 1943 wurden wir jungen Mädchen nach Kiew abgeholt, und dann weiter nach Berlin selbst in eine Verteilungsstelle bei der Station Erkner (es gibt eine kleine Fotografie, auf der wir 20 Mädchen sind). Wir wurden nach Berlin-Köpenick zur Gummifabrik gebracht, wo ich bis zum 22. April 1945 gearbeitet habe.

Bezahlt wurde nichts, aber wir haben von morgens früh bis in die Nacht gearbeitet. Morgens bekamen wir ein Stückchen Brot und einen kleinen Becher Tee, zum Mittagessen Steckrüben oder Kohlrabi. Abendessen hatten wir in der Baracke, wir kochten geklautes Stärkemehl. Wir lebten in Baracken, nicht weit vom Werk entfernt. Alles war mit Metallgittern abgesperrt, und nur am Sonntag war es erlaubt, in die Stadt zu gehen.

In der Fabrik gab es keinen Arzt, und wer schwer krank wurde, der wurde ins Krankenhaus gebracht.

Es war erlaubt, Briefe nach Hause zu schicken und von dort welche zu bekommen.

Ich hatte eine sehr gute deutsche Freundin. Sie gab mir Kleidung zum Spazierengehen in der Stadt, brachte Brot ins Werk. Ich fuhr zu ihr nach Hause oder ins Wohnheim, zum Alexanderplatz. Ich habe ihr Foto, und es gibt Fotos, wo wir mit ihr zusammen sind, und es gibt auch eine Adresse, die sie aufgeschrieben hat (auf deutsch). Diese Frau hieß xxxxx, sie hatte keine Mutter (sie war verstorben), der Bruder kam an der Front ums Leben, der Vater war am Leben. Den Familiennamen von xxxxx kann ich auf der Adresse, die sie mir aufgeschrieben hat, nicht entziffern. Xxxxx arbeitete als Flakhelferin, und das Flakgeschütz war auf dem Dach der Fabrik. Ich möchte xxxxx wiedersehen oder wenigstens erfahren, wie ihr Leben weiter verlaufen ist und wo sie jetzt ist.

Heute wohne ich allein. Der Mann ist vor zehn Jahren verstorben. Ich habe 5 Kinder. Ich hatte einen xxxxx, die Beine schmerzen, ich sehe schlecht, ich habe xxxxx, aber arbeite noch ein bisschen im Gemüsegarten und im Hause.

Das war's. Wie ist es mit Fotos und Anschriften, ich habe viele davon? Entscheiden Sie selbst. Alle die Ereignisse in den damaligen Kriegsjahren, die ich in Deutschland erlebt habe, sind im Brief nicht zu beschreiben. Es gab viel Leid, Ängste, Hunger. Ich möchte mich mit xxxxx treffen. Ich kann sie nicht vergessen. Sie war sehr gutmütig.


Auf Wiedersehen.
Ihnen alles Gute.
Mit Hochachtung Ihnen gegenüber
xxxxx. August 1997



Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit / Slg. Berliner Geschichtswerkstatt

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    1. Fotografie gesendet von der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie einer Frau
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    2. Fotografie gesendet von der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Portrait einer Frau
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    3. Fotografie gesendet von der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Passfoto der deutschen Freundin Erna; (vermutlich 1943)
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    4. Fotografie gesendet von der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie von Julia W.D. und ihrer deutschen Freundin Erna
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    5. Fotografie gesendet von der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie einer Frau in Badeanzug (Freundin Erna)
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    6. Fotografie gesendet von der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Gruppenbild, wohl im Dulag Wilhelmshagen. Beschriftung; "Verteilungspunkt Erkner. Eine Gruppe von Mädchen aus der Ukraine. In der rechten Ecke K., der uns vom Punkt mitgenommen und zur Fabrik gebracht hat."
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    7. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie der deutschen Freundin Erna mit Hund
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    8. Passfotografie der ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D. mit der Beschriftung "T. Julia, 1945/ das bin ich"
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    9. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Gruppenbild vor dem Fabrikgebäude
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    10. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Gruppenbild von sechs Frauen
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    11. Fotografie der ehemaligern ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie einer Albenseite mit vier Porträts von Julia T. (oben links) und Tanja (oben rechts), sowie Julias Schwester (unten links) und Cousin (unten rechts); (14.10.1944)
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    12. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Drei junge, gut gekleidete Frauen im Wald. Eine mit OST-Zeichen hat Blumenstrauß. Beschriftung: "Berlin-Köpenick. Die Mädchen aus Osernaja"
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    13. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Porträtfotografie der jungen "Ostarbeiterin" Nina S.
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    14. Fotografie der ehemaligen urkainsichen Zwangsarbeiterin Julia Wladimirowna Domina: Porträt der jungen "Ostarbeiterin" Olja S.; (27.01.1945)
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    15. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie von Olja S. und ihrem spätereren holländischen Ehemann Chareton; (11.02.1945)
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    16. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie von Julia und ihrer deutschen Freundin Erna
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DZSW 1299
Kurzbeschreibung

Die Ukrainerin Julia W. D. war seit 1943 in Berlin-Köpenick bei der Herstellung von Präservativen tätig. In ihrem kurzen Brief schreibt sie von einer Freundschaft zu einer deutschen Frau, von der sie Unterstützung erhielt.

 

Herkunftsland: Ukraine

Geburtsjahr: 1924

 

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1. Fotografie gesendet von der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie einer Frau
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2. Fotografie gesendet von der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Portrait einer Frau
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3. Fotografie gesendet von der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Passfoto der deutschen Freundin Erna; (vermutlich 1943)
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4. Fotografie gesendet von der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie von Julia W.D. und ihrer deutschen Freundin Erna
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5. Fotografie gesendet von der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie einer Frau in Badeanzug (Freundin Erna)
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6. Fotografie gesendet von der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Gruppenbild, wohl im Dulag Wilhelmshagen. Beschriftung; "Verteilungspunkt Erkner. Eine Gruppe von Mädchen aus der Ukraine. In der rechten Ecke K., der uns vom Punkt mitgenommen und zur Fabrik gebracht hat."
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7. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie der deutschen Freundin Erna mit Hund
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8. Passfotografie der ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D. mit der Beschriftung "T. Julia, 1945/ das bin ich"
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9. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Gruppenbild vor dem Fabrikgebäude
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10. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Gruppenbild von sechs Frauen
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11. Fotografie der ehemaligern ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie einer Albenseite mit vier Porträts von Julia T. (oben links) und Tanja (oben rechts), sowie Julias Schwester (unten links) und Cousin (unten rechts); (14.10.1944)
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12. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Drei junge, gut gekleidete Frauen im Wald. Eine mit OST-Zeichen hat Blumenstrauß. Beschriftung: "Berlin-Köpenick. Die Mädchen aus Osernaja"
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13. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Porträtfotografie der jungen "Ostarbeiterin" Nina S.
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14. Fotografie der ehemaligen urkainsichen Zwangsarbeiterin Julia Wladimirowna Domina: Porträt der jungen "Ostarbeiterin" Olja S.; (27.01.1945)
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15. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie von Olja S. und ihrem spätereren holländischen Ehemann Chareton; (11.02.1945)
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16. Fotografie der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Julia W. D.: Fotografie von Julia und ihrer deutschen Freundin Erna
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