Abschrift: xxxxx


Geehrte Gisela Wenzel!

Entschuldigen Sie das lange Schweigen. Ihre Ruhe stört xxxxx. Ich habe von Ihnen im Juli 1998 einen Brief bekommen. Ich bin bereits 86 Jahre alt. Die Tochter kam zu mir und schreibt Ihnen diesen Brief. Ich wurde am 28. April 1913 im Dorf Rudobist, Braslawski Rayon, Witebskaja Oblast, geboren. Ich, xxxxx heiratete 1933 xxxxx aus dem Dorf Zaborje, Braslawski Rayon. 1938 wurde unser Sohn, xxxxx, geboren. 1941 wurde eine Tochter, xxxxx, xxxxx, geboren. 1943 haben die deutschen Soldaten uns in einen Schuppen getrieben und das Dorf völlig niedergebrannt. Danach haben die deutschen Soldaten uns mit unseren Fahrzeugen etappenweise nach Braslaw geschafft. Später hat man uns dann die Pferde abgenommen und uns in geschlossenen Waggons nach Deutschland in die Stadt Köpenick geschafft. Man hat uns in Baracken untergebracht. Es gab allein 90 Belorussen. Wir wohnten zusammen: die Tochter, der Sohn, mein Mann und ich. In der ersten Zeit habe ich als Putzfrau in zwei Baracken gearbeitet: in meiner und in einer anderen, in der 100 Menschen lebten. Ich habe zusammen mit meiner Cousine gearbeitet, die jetzt in Polen wohnt, aber wir stehen nicht in Verbindung. Unser Kommandant war xxxxx (?). Wir haben dort sechs Monate gearbeitet. Nach einem Unfall, der einem zwölfjährigen Jungen passierte, dessen Arm durch elektrischen Strom verletzt wurde (er blieb für das ganze Leben unbeweglich), wurde ein Befehl herausgegeben – die Mütter sollen bei ihren Kindern bleiben. Der Kommandant zu jener Zeit war xxxxx (?). Für die Arbeit hat man in Mark gezahlt, ich kann mich aber nicht erinnern, wie viel. Für dieses Geld konnte man Bier, Limonade, rote Bete kaufen, die anderen Produkte gab es auf Marken. Mein Mann hat die ganze Zeit in der Gummifabrik gearbeitet. Er war Arbeiter für die Herstellung der handgemachten Gummimasse. Aus der Masse hat man medizinische Handschuhe hergestellt, Schnuller und andere Erzeugnisse. Die Arbeit war gesundheitsschädlich, weil sie mit Benzin verbunden war. Für die Schädlichkeit hat man für eine Schicht einen Liter Milch ausgegeben. Ernährt hat man uns sehr schlecht: zum Mittagessen hat man Suppe und Brot in der Kantine der Fabrik ausgegeben. In der ersten Zeit haben wir sehr gehungert, aber später, als ich aufgehört hatte zu arbeiten, habe ich die Tochter auf den Arm genommen, den Sohn neben mir und habe auf dem Markt gebettelt. Betteln war verboten, aber der Hunger hat die Oberhand behalten über die Angst. Die deutsche Bevölkerung hatte zu uns ein gutes Verhältnis. Man hat uns Marken für Brot und Zucker gegeben. Es gab einen Fall, als ich bettelte, und ein ansehnlicher Deutscher im Auto hat das gesehen und mich mit dem Finger herangewinkt. Ich war sehr erschrocken, aber er holte seine Brieftasche heraus und hat mir Lebensmittelmarken für einen Monat gegeben. Ich weinte und wollte ihm die Hand küssen, er hat das aber nicht gestattet.

Der Direktor der Fabrik hatte keine Kinder. Einige Male hat er sich durch den Dolmetscher an uns gewandt, damit wir ihm xxxxx als Tochter geben würden (er wollte sie adoptieren). Er hat gesagt, dass er uns gestatten würde, xxxxx zu sehen, aber kann man das eigene Kind weggeben? Später haben sie ein russisches Mädchen aus einem Waisenhaus adoptiert.

Den Kranken in der Fabrik hat man medizinische Hilfe geleistet.
Den Eltern haben wir selten geschrieben. Einmal bekamen wir von den Eltern ein Päckchen. Wegen der Bekleidung sind wir einige Male mit einem Dolmetscher nach Berlin gefahren. Dort war schon alles eingepackt, und es stand drauf, für wen. Bis zur Befreiung durch die Sowjetarmee im Mai 1945 befanden wir uns die ganze Zeit in der Stadt Köpenick. Bei der Ankunft der Sowjetarmee ging mein Mann an die Front, und ich gelangte mit Mühe mit xxxxx nach Hause. Ich kam zu meinen Eltern in das Dorf Rudobist, im Herbst kam mein Mann xxxxx von der Armee zurück. Niemand hat uns verfolgt. Der Staat hat Holz gegeben. Die Eltern, Brüder und Schwestern, haben geholfen so gut sie konnten, und wir haben ein neues Haus im Dorf Zaborje errichtet. 1949 sind wir in unser eigenes Haus gezogen. xxxxx hat in der Fortwirtschaft gearbeitet und ich im Kolchos. Die Kinder haben die Schule besucht. Nach der Schule fuhr der xxxxx und 1961 fuhr auch xxxxx zu ihm. Mein Mann starb 1969 nach einer schweren Krankheit. Diagnose: xxxxx. Vielleicht hat sich die Arbeit in der Fabrik auf seine Gesundheit ausgewirkt.

Jetzt bekomme ich Rente. Mir hilft ein Sozialarbeiter. Ich schicke Ihnen ein Foto xxxxx ist am linken Rand. Die anderen sind Fabrikarbeiter. Die D-Mark aus dem Fonds habe ich bekommen.

xxxxx wohnen weit weg. Sie kommen vorbei und laden mich ein, bei ihnen zu wohnen, aber ich will nicht aus dem eigenen Haus weg. So lebe ich.

Geehrte Gisela Wenzel!
Ihre Ruhe stört xxxxx, xxxxx. Von meiner Mutter aus bin nach xxxxxx gefahren. 1962 habe ich xxxxx geheiratet. Jetzt bin ich Rentnerin. Mich interessiert der Direktor der Fabrik, der mich adoptieren wollte. Wahrscheinlich leben sie noch. Ich wohne mit meinem Bruder in einer Stadt. Der Bruder hat noch irgendwelche Erinnerungen, ich kann mich aber nur wie in einem Traum erinnern: wir sind über das Wasser in einem Häuschen gefahren. Wir sind an einem Ufer angekommen, ein Bootssteg schob sich vor und wir gingen ans Ufer. Die Mutter besuchen wir einmal pro Jahr: es ist weit und die Fahrt ist teuer. Wir machen für sie Holz zurecht, helfen in der Wirtschaft. Diesen Brief schicke ich aus xxxxx.

Mutter lebt unter der Adresse:
xxxxx
Meine Adresse: Adresse des Bruders:
xxxxx

Vielen Dank für die Sorge um uns. Wir wünschen Ihnen Erfolg in Ihrer Sache.
Auf Wiedersehen. Achtungsvoll xxxxx
23. 02. 99


Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide / Slg. Berliner Geschichtswerkstatt

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DZSW 8457
Kurzbeschreibung

Die Weißrussin Tscheslawa I.P wurde 1943 festgenommen und zusammen mit ihrem Ehemann und zwei Kindern im Güterzug nach Berlin zur Zwangsarbeit verschleppt, wo sie als Putzfrau im Lager gearbeitet hat.

 

Herkunftsland: Belarus

Geburtsjahr: 1913


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Angaben zur Zwangsarbeit

© Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide / Slg. Berliner Geschichtswerkstatt

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